Ein Brief von Natalja

Aichach, den 24.02.09

Hi!

Eure vielen solidarischen Postkarten in den Händen zu halten ist echt ein klasse Gefühl! Aus jeder einzelnen spricht eine Menge, was Kraft gibt!
Es ist gar nicht leicht auszudrücken, was mir diese starke Verbundenheit bedeutet – Grüße von so vielen GenossInnen, Aufmunterung und all die Schilderungen des facettenreichen Geschehens bei Euch „draußen“: Das gibt mir einfach eine Bestärkung, dass ich ideell aus den „Reihen“, wo ich hingehöre, nicht rausgezogen werden kann. Physisch bin ich zwar „weggehaftet“ worden, aber es ist klar, wo mein Platz ist!
Dafür danke ich allen, die die coolen, phantasievollen Karten hergestellt und geschrieben haben, aber auch allen anderen, die mit Herz und Hand den Zusammenhalt schaffen, der in seiner tragenden Bedeutung überhaupt eben auch bewirkt, dass zum Beispiel ich trotz der Inhaftierung durch den Staat nicht auf mich allein gestellt bin, sondern miteinbezogen bleibe!
Übrigens ist ein wichtiger und schöner Aspekt Eurer Karten für mich, dass sie meine Gedanken dem Knast entkommen lassen.
Was mich außer der vielen Post ebenfalls sehr freut, ist, dass ich bei der diesjährigen Demo gegen die NATO-Kriegskonferenz indirekt doch im internationalistischen Block dabei sein konnte!
Über ein Jahr ist seit meiner Festnahme vergangen und mittlerweile ist das Eingesperrt sein für mich fast zur Routine geworden. Gewöhnung bedeutet natürlich nicht dass ich anfange vom Sein auf das Sollen zu schließen, im Gegenteil: je länger und besser man kennen lernt, was Knast heißt, desto deutlicher zeigt sich der als destruktives Instrument, aus dem zwar gewiss jemand einen Nutzen zieht – jedoch wohl kaum die Allgemeinheit.
Immerhin ist allerdings meine eigene Situation derzeit ziemlich ruhig, soll heißen, ich werde weitestgehend in Ruhe gelassen und manche Untiefen habe ich inzwischen auch besser zu umschiffen gelernt.
An einer Art Bilanz des vergangenen Jahres in Haft versuche ich mich jetzt nicht. So wie ich das aus dem Knast schreiben kann, käme dabei letztlich doch etwas verfälschendes heraus… Aber es sind ja zum Glück bald nur noch drei Monate, bis sie mich wieder rauslassen müssen (bzw. mich los sind).
Jedenfalls bin ich zuversichtlich, dass die restliche Zeit hier drinnen relativ schnell vergehen wird.
Da ja „draußen“ hingegen für die nächsten Monate einige Herausforderungen auf dem Terminkalender stehen, wünsche ich Euch schon mal im Voraus viel Kraft, Kreativität und Erfolg – insbesondere natürlich für die Proteste gegen die Jubiläumsfeier der nun schon 60 Jahre zu lange bestehende NATO und für den 1. Mai!
so – und jetzt suche ich (eben unter den reglementierenden Rahmenbedingungen) schöne Plätze zum Anbringen der Postkarten! – Die sind nämlich toll (steckt auch bestimmt eine Menge Arbeit drin)!
Gruß!
Natalja